LESUNG

Im Inneren lag der Reichtum eines ganzen Kaufmannslebens


29.08.26 "Moorden in Marzahn" heißt der Titel einer Buchlesung am 1. September um 14 Uhr im Stadtteilzentrum, MP 38. Uta Baranovskyy liest aus ihrem ersten Romanversuch vor. Dabei geht es nicht nur um Historisches aus dem alten Marzahn. 


Leseprobe:

Anno Domini 1340

Der alte Handelsweg führte von Frankfurt weit nach Osten, durch dichte Wälder, über sumpfige Niederungen und an endlosen Moorlandschaften vorbei in das Brandenburger Land, das damals noch ein raues Grenzgebiet zwischen verschiedenen Herrschaften war.

Langsam rumpelte eine prächtige Reisekutsche über den ausgefahrenen Weg. Sie war kein gewöhnlicher Wagen reisender Kaufleute, sondern ein rollendes Zeugnis großen Wohlstands. Das schwere Gestell bestand aus dunkler Eiche, kunstvoll geschnitzt mit Weinranken, Löwenköpfen und kleinen Engelsfiguren. Messingbeschläge glänzten im warmen Licht des Nachmittags, während fein gearbeitetes Leder die gefederten Sitze schützte. Vor den Fenstern flatterten kostbare Vorhänge aus tiefrotem Samt, deren goldene Quasten bei jeder Erschütterung sanft schwangen.

Im Inneren lag der Reichtum eines ganzen Kaufmannslebens.

Schwere Eichentruhen waren bis zum Rand mit Silbermünzen gefüllt. Samtbeutel bargen Goldgulden. Zwischen den Truhen lagen kostbare Stoffballen aus Flandern, schimmernde Seide aus Italien, feinste Spitzen, venezianische Gläser, Silberpokale mit kunstvollen Gravuren und kleine Kästchen voller Edelsteine.

Saphire leuchteten tiefblau, Rubine glühten wie erstarrtes Feuer, Smaragde schimmerten in sattem Grün. Eine reich verzierte Kassette enthielt goldene Halsketten, Perlenstränge und Ringe mit funkelnden Diamanten, bestimmt für Fürstenhöfe und wohlhabende Patrizier. Der Kaufmann war stolz auf seinen Besitz.

Vor der Kutsche ritten vier bewaffnete Knechte mit Lanzen und Schwertern. Hinter dem Wagen folgten zwei weitere Pferde mit Packlasten, ein Ochsenkarren voller Handelswaren sowie mehrere Diener, Mägde und Stallburschen. Jeder wusste, dass auf einsamen Straßen Räuber lauern konnten.

Der Weg selbst war kaum mehr als zwei ausgefahrene Fahrrinnen, die sich tief in den sandigen, feuchten Boden eingeschnitten hatten. Zwischen ihnen wuchs hartes Gras. Nach jedem Regen verwandelten sich die Spurrillen in schlammige Löcher, in denen sich Wasser sammelte. Umgestürzte Äste ragten an manchen Stellen bis dicht an die Räder heran, und immer wieder musste der Kutscher die Pferde vorsichtig um ausgewaschene Stellen lenken.

Zur linken Seite breitete sich das große Moor aus. Es schien kein Ende zu nehmen.

Dunkle Wasserflächen wechselten sich mit Inseln aus Schilf, Wollgras und knorrigen Birken ab. Alte Erlen reckten ihre verdrehten Äste wie knochige Finger in den Himmel. Zwischen den Gräsern glänzten zahllose kleine Wasseraugen, in denen sich die Sonne spiegelte.

Noch stand sie hoch genug, um das Moor in warmes, goldenes Licht zu tauchen. Doch es lag bereits jener sanfte Schimmer des späten Nachmittags über der Landschaft, der die Farben weicher machte. Das Abendrot begann sich auf den stillen Wasserflächen auszubreiten. Gold, Kupfer und Purpur schienen ineinander zu fließen. Kein Wind kräuselte das Wasser. Die Welt wirkte friedlich, beinahe verzaubert. Die Tochter des Kaufmanns blickte aufmerksam aus dem Fenster.


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