Der Siebente, Festtag der Juno oder Frühlingsanfang
01.09.26 Ein welkes Blatt macht noch keinen Herbst. Aber nach einem turbulenten Sommer mit viel Hitze und Dürre und Nässe und Kühle geht es jetzt unweigerlich in die dritte Jahreszeit hinein - meteorologisch. Wobei - woanders beginnt heute der Frühling.
In Deutschland und vielen anderen Ländern der Nordhalbkugel beginnt der meteorologische Herbst am 1. September und dauert bis zum 30. November.
Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass an diesem Tag plötzlich die ersten Blätter fallen. Die Meteorologen haben den Kalender ganz pragmatisch in drei volle Monate aufgeteilt: September, Oktober, November.
Dadurch lassen sich Wetter- und Klimadaten leichter vergleichen. Der Deutsche Wetterdienst bezeichnet den 1. September ausdrücklich als meteorologischen Herbstanfang.
Das Kuriose daran: Am 1. September kann es problemlos noch Hochsommer sein. Der DWD registrierte beispielsweise am 1. September 2024 in Tönisvorst 33,3 °C.
Der meteorologische Herbst kann also beginnen, während man noch schwitzend im Freibad sitzt.
Astronomisch ist der 1. September überhaupt kein Herbstanfang
Die Astronomen sind anderer Meinung. Für sie beginnt der Herbst mit der Tagundnachtgleiche. 2026 fällt sie auf den 23. September. Erst dann beginnt astronomisch der Herbst auf der Nordhalbkugel.
Damit liegen zwischen den beiden Herbstanfängen 2026 ganze 22 Tage.
Und es gibt sogar noch eine dritte Möglichkeit: die phänologische Jahreszeit. Sie richtet sich danach, was die Natur tatsächlich macht – etwa wann bestimmte Pflanzen blühen, Früchte reifen oder Blätter sich verfärben. Der Herbst hat dann keinen festen Geburtstag.
Japan hat für den 1. September einen ausgesprochen ernsten Termin: den Tag der Katastrophenvorsorge.
Der Grund ist das große Kantō-Erdbeben vom 1. September 1923, das Tokio und Umgebung verwüstete und etwa 105.000 Menschen das Leben kostete. Seit 1960 ist der 1. September deshalb ein nationaler Tag der Katastrophenvorsorge. Es werden unter anderem Übungen für Erdbeben und andere Notfälle durchgeführt.
Der Termin hat allerdings auch mit der Jahreszeit zu tun: Der Spätsommer und Frühherbst sind in Japan eine Zeit häufiger Taifune.
In Australien passiert genau das Gegenteil
Während wir auf der Nordhalbkugel am 1. September den Herbst begrüßen, beginnt auf der Südhalbkugel der Frühling.
Australien macht daraus sogar einen Feiertag der besonderen Art: Am 1. September wird Wattle Day gefeiert. Die goldgelbe Akazie, die Golden Wattle (Acacia pycnantha), ist Australiens nationales Blumensymbol. Der 1. September wurde 1992 offiziell zum National Wattle Day erklärt.
Während also in Berlin die ersten Herbstblätter erwartet werden, heißt es in Australien "Herzlich willkommen, Frühling!"
Auch der Orthodoxe Kirchenkalender beginnt am 1. September
Noch erstaunlicher: Für die orthodoxe Kirche ist der 1. September der Beginn des kirchlichen Jahres – die sogenannte Indiktion.
Das geht auf das byzantinische Kalenderwesen zurück. Im Byzantinischen Reich begann das zivile und kirchliche Jahr am 1. September und endete am 31. August.
Die orthodoxe Kirche verbindet diesen Tag außerdem mit dem Gebet für die Bewahrung der Schöpfung. Der Ökumenische Patriarch bezeichnet den 1. September als Beginn des Kirchenjahres und als Tag des Gebets für die Schöpfung.
Noch früher beginnt der Herbst – zumindest im keltischen Jahreskreis
Wer glaubt, der 1. September sei schon früh dran, kann bei den Kelten noch ein paar Wochen abziehen.
Das Fest Lúnasa/Lughnasadh am 1. August markierte in der keltisch-irischen Tradition den Beginn der Erntezeit. In Darstellungen des traditionellen keltischen Jahreskreises gilt dieser Zeitpunkt häufig als Beginn des Herbstes.
Der Sommer wäre damit schon am 31. Juli praktisch Geschichte.
Das Fest hatte einen sehr handfesten Hintergrund: Die erste Ernte begann. Getreide wurde eingebracht, Früchte gesammelt und die neue Ernte gefeiert.
Und in England konnte der Herbst noch später „offiziell“ werden
Im historischen England war Michaelis beziehungsweise Michaelmas am 29. September ein wichtiger Wendepunkt des Jahres. Das Fest des Erzengels Michael lag nahe der Tagundnachtgleiche und wurde mit dem Herbst, dem Ende der Ernte und dem Beginn eines neuen wirtschaftlichen Jahres verbunden.
Michaelmas war einer der vier sogenannten Quarter Days. An diesen Tagen wurden unter anderem Mieten bezahlt, Verträge geschlossen, Land verpachtet und Arbeitskräfte eingestellt.
Der Herbstanfang war damit nicht nur eine Frage des Wetters, sondern konnte ganz konkret darüber entscheiden, wann jemand seine Miete bezahlen musste.
Der September selbst hat einen kleinen Kalenderbetrug eingebaut
Der Name verrät es: September kommt vom lateinischen „septem“ – sieben.
September war im ursprünglichen römischen Kalender nämlich tatsächlich der siebte Monat. Das römische Jahr begann mit dem März. Erst nachdem Januar und Februar an den Jahresanfang gerückt waren, wurde aus dem siebten der neunte Monat – aber der Name blieb.
Dasselbe Kalenderproblem steckt übrigens auch in Oktober, November und Dezember:
- September = der Siebte
- Oktober = der Achte
- November = der Neunte
- Dezember = der Zehnte
Heute sind sie Monat 9, 10, 11 und 12.
Der Kalender hat also vier Monate lang falsche Nummernschilder.
Die Römer hatten am 1. September trotzdem schon einiges zu feiern
Der 1. September war im alten Rom keineswegs ein bedeutungsloser Tag. Er war unter anderem der Festtag der Juno Regina, der „Königin Juno“. Außerdem waren dem Jupiter mehrere Tempel gewidmet, deren Jahrestage auf den 1. September fielen. Wenige Tage später begannen die Ludi Romani, große Spiele zu Ehren Jupiters.
Der Herbstanfang hatte dort also durchaus religiöse Begleitung – nur eben nach einem völlig anderen Kalenderverständnis als heute.