MENSCHEN

"Wir Frauen müssenen uns schon selbst helfen"


14.10.26 Interview mit Annemone Liewald, Leiterin des MIM e.V.: Sie sind seit seit Jahrzehnten so etwas wie – so sagten Sie einmal selbst - die „Graue Eminenz“ des MIM e.V. Was ist das für ein Verein und worin besteht Ihre Arbeit?



Die Formulierung ‚Graue Eminenz‘ meinte die Länge und die Kontinuität meiner Präsenz beim MIM e.V. und dass ich für mein Engagement nicht unbedingt die große Bühne brauche.

Ich bin seit 1991 im Bezirk, inzwischen also rund 35 Jahre. Begonnen hatte alles mit einer ABM – Stelle (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) bei der damals frisch installierten und ins Amt geholten Gleichstellungsbeauftragten des Bezirks Marzahn Christine Rabe.

Von Hause aus Ingenieurin und in Marzahn wohnend, engagierte sie sich konsequent für die Belange von Frauen hier in der Region. Sehr schnell wurde deutlich, dass insbesondere Frauen vor allem auch Mütter auf dem kaum mehr existenten Arbeitsmarkt der Wendezeit nur geringste Chancen auf ein Beschäftigungsverhältnis hatten. Strukturen wurden abgewickelt, neue gab es noch nicht.

Wir Frauen mussten uns schon selbst helfen und so wurden unter anderem mit massiver Unterstützung der damaligen Gleichstellungsbeauftragten die ersten Bausteine für eine ‚Fraueninfrastruktur‘ geschaffen. Es entstanden Projekte und mit ihnen auch erste neue Arbeitsplätze.

Welche Projekte?

Das ‚Frauennetz Marzahn‘ als Verbund der Frauenprojekte wurde gegründet. Von einer Studie über ‚frauenfreundliche Stadtplanung‘ bis hin zu einer Broschüre, die ‚Kinderspielplätze‘ des Bezirks erfasste. Ganz vieles kam in Bewegung und neben Verunsicherung und Existenzängsten gab es auch Aufbruch und die Nutzung von Freiräumen.

Eine wichtige Idee war, spezifisch etwas für Mädchen zu tun; im westlichen Teil der Stadt gab es das schon Jahrzehnte: so wurde der ‚MIM – Mädchen in Marzahn‘ im Mai 1993 gegründet und startete kurz darauf seine  1. ABM – Maßnahme, mit 12 Arbeitsplätzen für Frauen und seinem 1. Projekt, dem ‚Mädchenzentrum Marzahn‘.

Das war eine Freizeiteinrichtung für Mädchen, ansässig in einem ehemaligen Kitagebäude, mit endlos viel Platz und über 3 Etagen verteilt: ein offener Treff, ein Sportraum, die Kreativwerkstatt, die Bibliothek, das Hausaufgabenzimmer und ein Computerraum. Der wendebedingte Geburtenknick und die damit leerstehenden Kitas hatten uns einen fantastischen Freiraum beschert, den wir zu nutzen gedachten. 

Von Beginn an wurde dann auch gleich ein kleiner Frauentreff mit installiert und als Jungs aus der Region eine Demo dafür veranstalteten, dass auch sie ein Angebot haben wollen, entstand der Jungentreff von ‚Dissens e.V.‘. Es waren insgesamt dynamische Zeiten, vieles ist entstanden, einiges im Laufe der Jahre auch wieder verschwunden. Spannend ist es geblieben, die ganze Zeit hindurch, bis heute. 

Was macht MIM?

Der MIM ist ein Verein, der sich für die Interessen von Frauen und Mädchen stark macht, das war von Anbeginn so. In seiner Satzung steht:           „Zweck des Vereins ist es, Frauen und Mädchen mit und ohne Migrationsgeschichte in ihrer persönlichen Entwicklung und bei der Verwirklichung eines selbstbestimmten Lebensentwurfes zu unterstützen.“

Und Ihre Aufgabe speziell?

Meine Arbeit beim Verein war und ist, einfach dabei zu bleiben, die Dinge anzustoßen und dann auch mit umzusetzen. Je nachdem, was gebraucht wurde, in den unterschiedlichsten Funktionen: von der Freizeitarbeit mit den Mädchen, bis hin zu Projektbeantragungen und Abrechnung, von Personalführung über Renovieren bis zum Klo putzen – alles inklusive.


 



Fotos: Uta Baranovskyy

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Formal brachte ich die erforderlichen Kompetenzen für eine Projektleitung mit, indem ich im Nachwende – Berlin meinen Sozialpädagogen Abschluss an der ASH absolvierte. Wie vielen Ostakademikerinnen ging es auch mir so, dass die vorherigen, in der DDR erlangten Abschlüsse (‚Wirtschaftskaufmann Außenhandel‘ und ‚Diplomphilosph‘; die Berufsbezeichnungen waren damals übrigens noch männlich und sind so auch auf den Dokumenten vermerkt) nicht anerkannt wurden.

Also hieß es, sich neu aufzustellen. Der MIM war so gesehen Hilfe zur Selbsthilfe, er gab uns ein Auskommen und mir auch die Möglichkeit mich immer weiter zu entwickeln. 


Was macht Ihnen an dieser Arbeit so viel Freude, dass Sie hier so lange blieben?

Zum einen ist es nie langweilig geworden, wir haben immer wieder Dinge neu denken müssen und neu entwickelt. Bei der 1. ABM war ich fast euphorisch, dass ich entgegen dem erwarteten ‚Ost-Lebensentwurf‘, der oftmals bedeutete, nach Ausbildung oder Studium ein Leben lang bis zur Rente, demselben Betrieb oder Institution verbunden zu bleiben.

Nun würde ich alle 2 Jahre wechseln können. Neue Themen, neue Menschen, immer wieder Neues. Ich war begeistert. Dass dem ständigen Wechsel auch etwas Zermürbendes innewohnen könnte, dass es das Gefühl von Unsicherheit und Unzulänglichkeit fördern kann, ging mir erst später auf.

Aus dieser anfänglich unbändigen Freude heraus mutet es dann fast paradox an, dass ich schlussendlich genau das machte, wovon ich mich 1993 freudigst verabschieden wollte: 33 Jahre im gleichen Laden hängen bleiben.  

Was hat mich gehalten: die Freude am Gestalten und das Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen, die mit uns gemeinsam gearbeitet haben. Das war überhaupt nicht einfach. Wir waren aktiv im sozialen Bereich, das bedeutete immer wieder auch Streichung von Mitteln, Kürzungen der Finanzen buchstäblich auf ‚Null‘. Dennoch gab es einen harten Kern, der immer dabeiblieb.

Bezahlte Sozialarbeit wechselte mit Überbrückungsphasen in denen die Arbeit als Ehrenamtsarbeit ohne Bezahlung erbracht wurde. Neben dem Mädchenzentrum Marzahn, gab es das FrauenSzimmer, eine Kita wurde aufgebaut und eine Genossenschaft gegründet, um Perspektiven auf den 1. Arbeitsmarkt zu schaffen, die Betreute Mädchen – WG besteht seit 1997. Gefühlt waren wir auf 1oo Ebenen unterwegs. Also – ausgiebig Abwechslung war vorhanden, Grund genug, zu bleiben. 


In den vergangenen Jahren gab es viele Umbrüche, welche waren für Sie am bedeutendsten?

Unser zweiter Vorname ist ‚Umbruch‘: wir mussten ständig die Dinge verändern und uns neu erfinden; ich würde sagen, das ist das Leben. Und wenn es eine Kompetenz beim MIM e.V. gibt, dann die, Veränderungen als Herausforderungen anzunehmen.

Welche Vereinsarbeits-Hürden waren und sind schwierig für Sie zu überwinden? 

Alle Vereine haben Krisen, so auch der MIM e.V., aber den MIM gibt es jetzt seit 1993, das spricht für Resilienz, Durchhaltevermögen und kreativ waren die Leute des MIM schon immer. Aber sie sind auch verschieden, haben mitunter unterschiedliche Präferenzen und Interessen; das unter einen Hut zu bringen, kann eine große schwere Aufgabe sein.

Wichtig war: keine Angst vor neuen Aufgaben, vor Fehlern die passieren können, sondern gemeinsam die Dinge bewältigen, dabei es schaffen, respektvoll und solidarisch miteinander umzugehen.  Last but not least: Spaß haben. Der Humor ist uns dankenswerterweise nie abhandengekommen, in den letzten 33 Jahren … .

Im kommenden April gehen Sie in den Ruhestand? Wird er ruhig sein?

Aus meiner Arbeit in der Jugendhilfe weiß ich, dass sowohl ‚Ankommen‘ als auch ‚Verabschieden‘ wichtige Themen sind. Dem will ich Aufmerksamkeit geben. Wenn ich also im nächsten Jahr gehe, dann sollen die Projekte gut übergeben sein und ich möchte mich gut verabschieden. Das ist mir wichtig. Und Raum für Neues geben, schon jetzt, das soll unbedingt entstehen und das war beim MIM e.V. schon immer so. Wenn Expertise gebraucht wird, kann ich temporär vorbeischauen, aber die nächste Generation soll mal machen, ich bin da frohgemut und durchaus neugierig. Es wird spannend bleiben …

Und Ruhestand – das wird wohl relativ werden; ich habe Hobbys und 5 Enkelkinder, die fragen schon, wann ich endlich mal eine Woche im Stück bei ihnen übernachte. 

Das Gespräch führte Uta Baranovskyy

 

 

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