Kurz vorgestellt: Sabine Krusen, Leiterin des Frauentreffs HellMa

3.6.20 Ich sitze mit ihr in der Junisonne 2020 auf der neu gestalteten Terrasse am Hintereingang des Frauentreffs HellMa, Marzahner Promenade 41. Unsere Unterhaltung gestaltet sich eigenartig, allerdings nicht außergewöhnlich für Sabine Krusen. Alle zwei, drei Minuten werden wir unterbrochen, mal hat eine Mitarbeiterin eine neue Information, möchte eine Anweisung, einen Hinweis zum Weiterarbeiten, mal kommt eine Besucherin mit Fragen, wie und wann was weitergeht, immer wieder klingelt das griffbereite Handy, Sabine Krusen gibt freundlich umfassende Antwort. Währenddessen kann ich ihre neue Visitenkarte, die sie mir zwischendurch druckfrisch in die Hand drückt, studieren. Da steht: Sabine Krusen, Leiterin des Frauentreffs HellMa, Diplomslawistin, Frauenforscherin, zuständig für Kontakt, Gespräche, Veranstaltungen, Bildung, Beratung.

Zwischen all den Unterbrechungen erfahre ich schließlich doch, wie aus einer angehenden stillen Sternekuckerin eine engagierte, durchsetzungsstarke, äußerst flexible und ganz und gar nicht schüchterne Managerin eines stark frequentierten und beliebten Frauentreffs in Marzahn wurde.

Noch kurz vor Studienbeginn in Jena entschied sie sich anders. Sie hatte in der Abiturklasse eine polnische Freundin, zu der sie oft nach Polen fuhr. Die polnische Sprache lernte sie schnell. Das Reisen machte Spaß, fremde Menschen kennenlernen ebenso. Auf einmal erschien ihr das einsame Leben im Observatorium nicht spannend genug. Sie hatte noch einmal Glück und ergatterte ein Auslandsstudium in der damaligen Sowjetunion, studierte dort die russische Sprache und Weltliteratur, erlernte dabei auch einige andere slawische Sprachen. Auch nach dem fünfjährigen Diplomstudium meinte es das Schicksal gut mit ihr, sie bekam eine Assistenz an der Humboldtuniversität in Berlin, lehrte die russische Sprache, wurde abgeworben wegen ihrer guten slawistischen Sprachkenntnisse zum Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN). „Das war wirklich mein Traumjob“, schwärmt Sabine Kursen noch heute. Die Arbeit machte Spaß, die Leute dort waren wirklich nett, das Unternehmen sorgte gut für seine über 1000 Mitarbeiter, es gab einen eigenen Kindergarten, eine eigene Poliklinik, eine ausgezeichnete Kantine.

Dann kam die Wende in der DDR. Der „Westen“ hatte schon eine gut funktionierende Presseagentur (DPA), die ostdeutsche Agentur wurde schnell „abgewickelt“. Einige Journalisten fanden noch Arbeit irgendwo, die meisten wurden arbeitslos. Sabine Krusen, allein mit einem kleinen Kind, musste sich nun wie viele in den 90er Jahren den neuen Verhältnissen stellen. In ihrer Straße, sie wohnt noch immer in Berlin Mitte, entdeckte sie einen Frauentreff, der sich gerade etablieren wollte. Auf ihre schüchterne Anfrage, ob sie dabei helfen könne, bekam sie einen riesigen anspruchsvollen Packen Organisationsarbeit aufgeladen. „Learning by Doing“ nennt man das, sie besorgte beim Senat Geldmittel, beim Arbeitsamt ABM-Kräfte, organisierte Schulungen, Treffen, Kurse, Ausstellungen, Vorträge, Veranstaltungen. Vor allem lernte sie viel über Frauenschicksale, sowohl in der aktuellen Zeit als auch aus der Zeitgeschichte. Eines Tages aber wurden die staatlichen Fördermittel so sehr gekürzt, dass der Frauentreff in Berlin Mitte geschlossen werden musste.

„Bis heute gibt es für die Förderung von Frauen keinen gesetzlich garantierten Zuschuss“, berichtet Frau Krusen. Jugendförderung und andere soziale Dienste hingegen hätten diese gesetzliche Grundlage, so dass sie diese Arbeit langfristig gestalten könnten. Frauentreffs nicht.

In den Marzahner Frauentreff war sie eher zufällig gekommen. Eine Weile arbeitete sie selbständig, hielt unter anderem Vorträge über Frauen der Weltgeschichte, so auch vor einigen Jahren im Frauentreff HellMa. Die damalige Leiterin sprach Sabine Krusen an, ob sie nicht die Leitung übernehmen wolle, da sie selbst in den Ruhestand ginge.

„Die Arbeit hier ist sehr anspruchsvoll und vielseitig, ständig gibt es Neues und Veränderungen“, meint die heutige Leiterin Sabine Krusen, sie fühle sich hier sehr wohl. Die Marzahner Promenade sei wie ein kleines Dorf, man kenne sich hier, komme gut miteinander aus, es gäbe viel gegenseitige Unterstützung, auch von den Ämtern. „Ich würde gern…“, sagt sie. Doch was Sie gern würde, erfahre ich heute nicht mehr. Von einem Besucher wird sie von der Terrasse in die Räume mitgenommen, der sofort ganz dringend etwas ganz Wichtiges mit ihr zu bereden hat.                                                               

Uta Baranovskyy

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